Schlagwortarchiv für: nachhaltiges Wirtschaften

Seit Frithjof Bergmanns Ableben vor mehr als vier Jahren ist es still geworden um „New Work“, sein Konzept zur umfassenden Neugestaltung des Arbeitssystems. Umso lauter wurden diejenigen, die den Begriff kurzerhand vereinnahmt haben und ihn bis heute für ihre Zwecke zurechtbiegen. Allen voran der Mainstream von New Work, der sich zwar auf Bergmann beruft, aber etwas gänzlich anderes im Sinn hat, sodass es zwischen dem Original und dem Mainstream keine Berührungspunkte mehr gibt.

Frithjof Bergmann hat immer wieder betont, dass New Work ein facettenreicher und umfassender Ansatz ist, der nicht in eine Definition gepresst oder – was auf dasselbe hinausläuft – auf eine Dimension reduziert werden kann. So ist New Work unter anderem: Eine Kritik am herrschenden Arbeitssystem (Jobsystem) und seinen vielen Mängeln. Sie macht deutlich, wie belastend mittlerweile die Bedingungen sind, unter denen Menschen arbeiten müssen. Die Formulierung eines neuen Arbeitssystems, um die irreversiblen Missstände des Jobsystems zu überwinden.

New Work führt dabei neue Arbeitsformen diesseits und jenseits des Arbeitsmarkts ein, um die Abhängigkeit vom Jobsystem weitgehend zu reduzieren und die Qualität von Arbeit deutlich zu erhöhen. Eine Kritik am herrschenden Wirtschaftssystem. Es wird nachgewiesen, dass dieses System nicht nachhaltig ist. Insbesondere unendliches Wirtschaftswachstum in einer endlichen Welt ist ein Widerspruch, der für immer mehr Konflikte sorgt. Ein Beitrag zur Postwachstumsökonomie. Denn New Work zeigt auf, wie wir uns vom Zwang zum Wirtschaftswachstum befreien können. Nachhaltiges Wirtschaften. Das Konzept steht für gute und gesunde Arbeit, für lokale Produktion, die klimafreundlich und ressourcenschonend ist, und die im Konzept vorgesehene moderne Selbstversorgung ist ein Heilmittel gegen die Konsum- und Wegwerfmentalität.



Die Frage nach der Technologie: Welche Rolle soll Technologie künftig in unserer Gesellschaft spielen? Wer soll über sie verfügen? Und wie kann sie zum Wohle der gesamten Gesellschaft genutzt werden?

Sowohl ein Konzept für die gesellschaftliche Ebene als auch eine Anleitung für Einzelne. Der Einzelne kann beginnen, seine Arbeit im Sinne von New Work zu gestalten, ohne auf Arbeitsmarktreformen von oben warten zu müssen. Dabei ist NWNC ein flexibles Konzept, das jede Person den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen anpassen kann. Ein weltweit anwendbares Konzept, das der Globalisierung von Arbeit und Wirtschaft gerecht wird.

Die Formulierung des Anspruchs, eine neue Kultur einzuläuten, in der die Ökonomie und die Arbeit den Menschen und ihrer Entwicklung dienen sollen. Mit den Worten Bergmanns: „Das Ziel der Neuen Arbeit besteht nicht darin, die Menschen von der Arbeit zu befreien, sondern die Arbeit so zu transformieren, dass sie freie, selbstbestimmte, menschliche Wesen hervorbringt. Nicht wir sollten der Arbeit dienen, sondern die Arbeit sollte uns dienen. Die Arbeit, die wir leisten, sollte nicht all unsere Kräfte aufzehren und uns erschöpfen. Sie sollte uns stattdessen mehr Kraft und Energie verleihen. Sie sollte uns bei unserer Entwicklung unterstützen, lebendigere, vollständigere, stärkere Menschen zu werden.“ (Frithjof Bergmann und Stella Friedland, Neue Arbeit kompakt, Arbor Verlag, Freiamt 2007, S. 16)

Mit dieser Artikelserie wollen wir an das ursprüngliche Konzept und seine Vielschichtigkeit erinnern, indem jeder Beitrag einen Aspekt von New Work thematisiert. Damit erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit; vielmehr kommen im Laufe der Zeit weitere Texte hinzu. Die Autorinnen und Autoren sind Wegweiser, Mitstreiter, Mitglieder aus dem gleichnamigen Netzwerk sowie Menschen, die sich mit Bergmanns Gedankenwelt und Anliegen auseinandersetzen. Bergmann hat sein Konzept später in „New Work – New Culture“ umbenannt, unter anderem um sich vom entstehenden Mainstream abzugrenzen. In dieser Artikelserie sprechen wir durchgängig von „New Work“, um darauf hinzuweisen, dass der Begriff ursprünglich auf ihn zurückgeht und um ihn nicht dem Mainstream zu überlassen.

New Work als neues Arbeitssystem

New Work als neues Arbeitssystem darf man sich nicht einfach als optimierte Version des bestehenden Jobsystems vorstellen. Die im ersten Beitrag beschriebenen Missstände sind nicht bloß vorübergehende negative Nebenwirkungen, sondern tief im Jobsystem verankert. Deshalb muss es grundlegend verändert werden, indem der Job seine dominante Rolle verliert und durch zusätzliche Arbeitsformen ergänzt wird. New Work konkretisiert sich in drei zentralen Arbeitsformen:

I Arbeitszeitverkürzung

New Work sieht vor, dass erwerbstätige Menschen ihre Arbeitszeit verkürzen – konkret: den Vollzeitjob in einen Teilzeitjob umwandeln. Diese Maßnahme basiert auf zwei wesentlichen Argumenten:

  1. Reduktion der negativen Auswirkungen der Missstände: Während Sport, Yoga oder Achtsamkeitstrainings lediglich Symptome lindern, greift die Arbeitszeitverkürzung an der Wurzel. Wer weniger arbeitet, entlastet sich dauerhaft und schützt sich vor Burnout, Erschöpfung und chronischem Stress. Darüber hinaus eröffnet Teilzeitarbeit neue Möglichkeiten: Menschen können Beruf und Privatleben besser vereinbaren, sich weiterbilden oder mehr um sich und ihre Angehörigen sorgen. Teilzeit hilft, die sich stetig verlängernde Lebensarbeitszeit gesund zu bewältigen. Wer sich nicht verausgabt, bleibt dauerhaft leistungsfähig – Teilzeit ist also nachhaltig und zukunftsorientiert.
  2. Freiraum für neue Tätigkeiten: Erst durch die Reduktion der Jobarbeit entsteht Zeit, um anderen Tätigkeiten im Sinne von New Work nachzugehen. Der Verlust an Jobzeit wird durch produktive, selbstbestimmte Arbeit kompensiert.

II Selbstversorgung mittels Technologie

Selbstversorgung bedeutet, dass man Dinge selbst herstellt, statt sie zu kaufen. Dadurch machen wir uns unabhängiger vom Zwang, Geld verdienen zu müssen, und damit von der Jobarbeit. New Work verknüpft die Selbstversorgung nun mit fortschrittlichster Technologie – also mit Computern, 3-D-Druckern, neuen Produktions- und Verfahrensweisen sowie dem Internet. Das Ergebnis ist, dass wir künftig einen Großteil unserer Güter des täglichen Bedarfs schnell und einfach selbst herstellen können. Nehmen wir zum Beispiel die neueste Entwicklung der Chatbots wie ChatGPT oder Copilot: Man kann sich selbst Bewerbungsschreiben erstellen, Texte verbessern, Entwürfe anfertigen lassen und vieles mehr. Für Schüler wird es ein Selbstlernmittel, das Lehrer und Nachhilfe teilweise überflüssig macht. Diese neue Selbstversorgung impliziert kein Zurück zur Natur und keine schwere körperliche Arbeit. Vielmehr macht sie sich die Technologie so dienstbar, dass nicht der Mensch die Hauptlast trägt, sondern Maschinen. Was für die klassische Selbstversorgung die eigene Arbeitskraft war, das ist die Technologie für die moderne Selbstversorgung.

Warum ist diese Arbeitsform notwendig?
Durch die Digitalisierung erhält die Technologisierung einen enormen Schub. Immer mehr Jobs verschwinden durch Automatisierung, während weniger neue entstehen. Für Arbeitnehmer bedeutet das: Sie verlieren Einkommen, wenn Maschinen ihre Arbeit übernehmen. Arbeitgeber hingegen profitieren, da sie günstiger produzieren und höhere Gewinne erzielen. Die Folge: Die Einkommensunterschiede wachsen, die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich und die soziale Ungleichheit nimmt zu.

Diesen Prozess darf man nicht sich selbst überlassen. Er muss gestaltet und genutzt werden – als Herausforderung und Chance. Bergmann bringt es auf den Punkt: „Die neuen Technologien kommen auf uns zu, gleich einer großen Welle: Rühren wir uns nicht von der Stelle, dann kann sie uns begraben, aber bewegen wir uns mit Geschick, könnte uns diese Welle höher heben als je zuvor.“ (Politische Ökologie, oekom Verlag, München, Ausgabe Mai/Juni 1998, Seite 55).

Technologie kann demnach nicht nur Arbeit vernichten, sondern auch neue Formen von Arbeit schaffen. Richtig eingesetzt, ermöglicht sie der Gesellschaft, ihre materielle Lebensgrundlage selbst zu gestalten und sich vom dominanten Wirtschaftssystem zu emanzipieren. Diese Vision verwirklicht sich im Konzept des High-Tech-Self-Providing (HTSP).

Der Prosument als moderner Selbstversorger
In der technologischen Entwicklung ist das Potenzial zur Selbstversorgung in Form von HTSP schon sichtbar: Wir alle kennen den Trend hin zum Prosumenten – eine Mischung aus Produzent und Konsument. Charakteristisch ist für ihn, dass er an der Produktion der Güter und Dienstleistungen beteiligt ist, die er selbst verbraucht. Damit wird er zum modernen Selbstversorger.

Es gibt jedoch zwei Formen des Prosumenten, die strikt voneinander zu trennen sind:

  1. Unternehmensgesteuerte Auslagerung: Unternehmen verlagern Aufgaben auf Konsumenten, die diese mithilfe von Technologie übernehmen. Beispiele sind Online-Banking, Self-Checkout im Supermarkt oder Software-Updates. Hier arbeitet der Mensch unbezahlt für das Unternehmen, um dessen Kosten zu senken.
  2. Selbstbestimmte Produktion (Der Kern von New Work): Viel relevanter und entscheidender für New Work ist die zweite Form: Menschen nutzen Technologie, um Dinge für den eigenen Bedarf unabhängig vom Markt herzustellen. Ein Beispiel ist die dezentrale Energieversorgung. Wer eine Photovoltaikanlage installiert, produziert Strom für den Eigenverbrauch und speist den Rest ins Netz. Das entspricht dem Prinzip der Subsistenzwirtschaft: Eigenproduktion mit Marktüberschuss. Früher waren es Lebensmittel, heute ist es Energie oder digitales Wissen. Nur diese zweite Form führt zur echten Emanzipation vom Jobsystem.

Fazit: Angesichts der technologischen Entwicklung ist es entscheidend, dass Menschen Technologie nutzen, um sich vom Job- und Wirtschaftssystem zu befreien. Teilzeitjob und HTSP schaffen die nötigen Freiräume für die höchste Form von Arbeit im Sinne von New Work: das Calling.

III Calling

Obwohl New Work ein alternatives Arbeitssystem mit mehreren Arbeitsformen darstellt, hat keine so viel Aufmerksamkeit geweckt wie das Calling. Es ist regelrecht zum Markenzeichen von New Work geworden: „Der am meisten mit der Neuen Arbeit assoziierte Ausdruck ist ja die wiederholte, immer wiederkehrende Frage nach der Arbeit, die jemand wirklich, wirklich tun will.“ (Frithjof Bergmann, Neue Arbeit, Neue Kultur, Arbor Verlag, Freiamt, 2004).

Wir müssen unsere materielle Lebensgrundlage fortlaufend sichern. Dies gelingt uns, indem wir durch einen Job Geld verdienen. Diesen Zwang beschreibt die Philosophie als „Notwendigkeit“ – im Gegensatz zur „Freiheit“, in der wir uns höheren Tätigkeiten widmen dürfen. Daraus ergibt sich: Der Job bleibt an die Notwendigkeit gebunden, während das Calling sich von ihr löst. Calling ist „freie Arbeit“, während der Job „notwendige Arbeit“ darstellt.

Calling als Gegensatz zum Job

  • Ein Job bedeutet, für andere zu arbeiten (Arbeitgeber, Markt). Ein Calling bedeutet, für sich selbst und die eigene Entwicklung zu arbeiten.
  • Der Job ist Mittel zum Zweck (Geldverdienen). Ein Calling ist eine Tätigkeit, die ihren Zweck in sich selbst trägt.
  • Im Job erledigen wir, was wir müssen; man hat immer einen „Herrn“ über sich. Im Calling verfolgen wir, was wir wirklich wollen; man ist sein eigener Herr.
  • Wer jobbt, wird zum ersetzbaren Rädchen im Getriebe (Mittel zum Zweck). Wer seiner Berufung nachgeht, ist Selbstzweck und will etwas aus sich machen.
  • Der Job unterliegt der ökonomischen Logik (er muss sich rechnen). Das Calling entzieht sich dieser Logik; es wird danach bewertet, wie es dem Menschen dient.
  • Ein Job kann auslaugen und entmenschlichen. Das Calling hingegen belebt und lässt uns über uns hinauswachsen.

Calling und Identifikation
Eine Arbeit, die man „wirklich, wirklich tun will“, ist eine Arbeit, mit der man sich identifiziert. Identifikation stiftet Identität – sie gibt uns das verlässliche Wissen, wer wir sind. In einer reinen Leistungsgesellschaft, in der Arbeit nur noch messbares Instrument ist, schwindet diese Identifikationsmöglichkeit. Bergmann will mit dem Calling eine neue Quelle für Identität schaffen.

Identifikation entsteht nicht durch bloßes Nachdenken, sondern in der Begegnung mit der Welt. Man muss „hinausgehen“, wie Goethe sagte, um sich im Tun zu finden. Im Calling bringen wir unsere Einzigartigkeit zum Ausdruck. Während wir im Job als Funktionsträger durch Maschinen ersetzbar sind, ist unsere individuelle Handschrift im Calling unersetzlich.

Calling und Freiheit
Nach Bergmann ist Freiheit eine Funktion von Identität. Eine Handlung ist dann frei, wenn der Mensch sich mit dem identifiziert, von dem die Handlung ausgeht. Wenn Wille und Tun im Einklang stehen, entsteht das Gefühl von Freiheit. Calling erhöht den Freiheitsgrad des Menschen auf drei Weisen:

  1. Es erzeugt Einklang und Stimmigkeit.
  2. Es fördert die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit.
  3. Es befreit von Notwendigkeit und Zwang und ermöglicht selbstbestimmte Arbeit.

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Seit Frithjof Bergmanns Ableben vor mehr als vier Jahren ist es still geworden um „New Work“, sein Konzept zur umfassenden Neugestaltung des Arbeitssystems. Umso lauter wurden diejenigen, die den Begriff kurzerhand vereinnahmt haben und ihn bis heute für ihre Zwecke zurechtbiegen. Allen voran der Mainstream von New Work, der sich zwar auf Bergmann beruft, aber etwas gänzlich anderes im Sinn hat, sodass es zwischen dem Original und dem Mainstream keine Berührungspunkte mehr gibt.

Frithjof Bergmann hat immer wieder betont, dass New Work ein facettenreicher und umfassender Ansatz ist, der nicht in eine Definition gepresst oder – was auf dasselbe hinausläuft – auf eine Dimension reduziert werden kann. So ist New Work unter anderem: Eine Kritik am herrschenden Arbeitssystem (Jobsystem) und seinen vielen Mängeln. Sie macht deutlich, wie belastend mittlerweile die Bedingungen sind, unter denen Menschen arbeiten müssen. Die Formulierung eines neuen Arbeitssystems, um die irreversiblen Missstände des Jobsystems zu überwinden.

New Work führt dabei neue Arbeitsformen diesseits und jenseits des Arbeitsmarkts ein, um die Abhängigkeit vom Jobsystem weitgehend zu reduzieren und die Qualität von Arbeit deutlich zu erhöhen. Eine Kritik am herrschenden Wirtschaftssystem. Es wird nachgewiesen, dass dieses System nicht nachhaltig ist. Insbesondere unendliches Wirtschaftswachstum in einer endlichen Welt ist ein Widerspruch, der für immer mehr Konflikte sorgt. Ein Beitrag zur Postwachstumsökonomie. Denn New Work zeigt auf, wie wir uns vom Zwang zum Wirtschaftswachstum befreien können. Nachhaltiges Wirtschaften. Das Konzept steht für gute und gesunde Arbeit, für lokale Produktion, die klimafreundlich und ressourcenschonend ist, und die im Konzept vorgesehene moderne Selbstversorgung ist ein Heilmittel gegen die Konsum- und Wegwerfmentalität.



Die Frage nach der Technologie: Welche Rolle soll Technologie künftig in unserer Gesellschaft spielen? Wer soll über sie verfügen? Und wie kann sie zum Wohle der gesamten Gesellschaft genutzt werden?

Sowohl ein Konzept für die gesellschaftliche Ebene als auch eine Anleitung für Einzelne. Der Einzelne kann beginnen, seine Arbeit im Sinne von New Work zu gestalten, ohne auf Arbeitsmarktreformen von oben warten zu müssen. Dabei ist NWNC ein flexibles Konzept, das jede Person den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen anpassen kann. Ein weltweit anwendbares Konzept, das der Globalisierung von Arbeit und Wirtschaft gerecht wird.

Die Formulierung des Anspruchs, eine neue Kultur einzuläuten, in der die Ökonomie und die Arbeit den Menschen und ihrer Entwicklung dienen sollen. Mit den Worten Bergmanns: „Das Ziel der Neuen Arbeit besteht nicht darin, die Menschen von der Arbeit zu befreien, sondern die Arbeit so zu transformieren, dass sie freie, selbstbestimmte, menschliche Wesen hervorbringt. Nicht wir sollten der Arbeit dienen, sondern die Arbeit sollte uns dienen. Die Arbeit, die wir leisten, sollte nicht all unsere Kräfte aufzehren und uns erschöpfen. Sie sollte uns stattdessen mehr Kraft und Energie verleihen. Sie sollte uns bei unserer Entwicklung unterstützen, lebendigere, vollständigere, stärkere Menschen zu werden.“ (Frithjof Bergmann und Stella Friedland, Neue Arbeit kompakt, Arbor Verlag, Freiamt 2007, S. 16)

Mit dieser Artikelserie wollen wir an das ursprüngliche Konzept und seine Vielschichtigkeit erinnern, indem jeder Beitrag einen Aspekt von New Work thematisiert. Damit erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit; vielmehr kommen im Laufe der Zeit weitere Texte hinzu. Die Autorinnen und Autoren sind Wegweiser, Mitstreiter, Mitglieder aus dem gleichnamigen Netzwerk sowie Menschen, die sich mit Bergmanns Gedankenwelt und Anliegen auseinandersetzen. Bergmann hat sein Konzept später in „New Work – New Culture“ umbenannt, unter anderem um sich vom entstehenden Mainstream abzugrenzen. In dieser Artikelserie sprechen wir durchgängig von „New Work“, um darauf hinzuweisen, dass der Begriff ursprünglich auf ihn zurückgeht und um ihn nicht dem Mainstream zu überlassen.

New Work als Kritik am Arbeitssystem

New Work ist zunächst eine ausführliche Kritik am herrschenden Arbeitssystem. Würde es an ihm nichts zu beanstanden geben, erschiene das Nachdenken über Alternativen überflüssig. Doch genau das Gegenteil trifft zu. 1

Mängel und Missstände im herrschenden Arbeitssystem

Das Arbeitssystem (auch Jobsystem oder Lohnarbeitssystem genannt) ist erst mit der Industrialisierung entstanden und brachte von Anfang an Missstände mit sich. Diese veränderten sich mit der Zeit: Alte verschwanden, neue tauchten auf, Arbeitsbedingungen besserten oder verschlimmerten sich (und von Land zu Land stellt sich die Situation anders dar). Entscheidend bleibt jedoch: Die Mängel und Missstände bestehen fort, sie ändern nur ihre Erscheinungsform. Deshalb muss die Kritik regelmäßig erneuert werden. Welche Widrigkeiten machen also derzeit den Menschen in Deutschland das Arbeitsleben besonders schwer und wirken sich auf sie negativ aus?

Leistungsdruck

Leistung ist definiert als das Verhältnis von Arbeit zu Zeit – und dieses Verhältnis wird optimiert in dem Sinne, dass pro Zeiteinheit mehr Arbeit getan werden muss als bisher. Ist dies aber der Fall, dann passiert zweierlei: Zum einen tritt der Leistungsaspekt von Arbeit immer mehr in den Vordergrund. Das bedeutet einerseits: Arbeit verwandelt sich in Leistung und die Arbeitsgesellschaft in eine Leistungsgesellschaft. Und andererseits ist zu sagen: Wir geraten unter Leistungsdruck, je mehr Leistung wir erbringen müssen. Dieser Leistungsgedanke ist in der Arbeitswelt allgegenwärtig und kann prinzipiell alle Arbeitnehmer betreffen.

Zeitdruck

Zeitdruck entsteht als Folge der Leistungssteigerung, weil man pro Thema, pro Sache, pro Projekt, pro Kunde etc. immer weniger Zeit hat und dadurch unter Druck gerät, dennoch rechtzeitig fertig zu werden und die erwarteten Ergebnisse zu liefern.

Erfolgsdruck

Erfolg hat sich zur zentralen Kategorie im Arbeitsleben entwickelt. Erfolg ist der Altar, dem die Menschen opfern und auf dem sie geopfert werden. Ein Problem von Erfolg ist jedoch: Er macht nicht satt, sondern hungrig – nach mehr Erfolg. So werden Ziele, Planzahlen, Vorgaben und Erwartungen hochgeschraubt. Das führt zum Erfolgsdruck – und zu Ohnmacht, denn Erfolg hängt nicht nur von der eigenen Anstrengung ab, sondern auch von externen Faktoren, auf die man keinen Einfluss hat.

Mehrarbeit

Überstunden sind ein ständiges Phänomen in der deutschen Arbeitswelt. So wurden laut Statistischem Bundesamt 1,3 Milliarden Überstunden im Jahr 2023 geleistet.2 Sie sind ein weiteres Mittel, die Arbeitskraft des Menschen optimal zu nutzen, aber gleichzeitig auch zu erschöpfen.

Sinnlose Jobs

Hierbei handelt es sich um Jobs, die niemand wirklich benötigt und die zu keinem Mehrwert führen bzw. keinen gesellschaftlichen Nutzen bringen. Es sind Jobs, von denen die Inhaber selbst wissen, dass sie einer sinnlosen Beschäftigung nachgehen. Deshalb haben diese Jobs für sie auch keine Bedeutung. Man behält den Job deshalb bei, weil man mit ihm Geld verdient und weil man keine Alternative sieht. Man findet diese Jobs in allen Branchen. Der Wissenschaftler und Aktivist David Graeber nannte diese Jobs Bullshit-Jobs. Drastisch, aber korrekt. Diese Jobs suggerieren, dass es sich um nützliche, wertvolle Arbeit handelt, was in Wirklichkeit gar nicht zutrifft. Ihr Wegfall würde nicht auffallen. 3

Beschäftigungslosigkeit

Beschäftigungslosigkeit ist ein ständiger Begleiter im Jobsystem. Auch gegenwärtig: Trotz guter Arbeitsmarktlage haben wir mehr als 2 Mio. Jobsuchende. Die nächste Rezession oder Automatisierungswelle kommt bestimmt, dann werden es noch mehr.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Dabei handelt es sich um schlecht bezahlte, leicht kündbare und häufig befristete Jobs. Zu ihnen gehören auch Leih- und Zeitarbeit sowie geringfügige Beschäftigung.

Zu den prekären Beschäftigungsverhältnissen zählen darüber hinaus jene scheinbar sicheren Vollzeitjobs, die von Beschäftigungslosigkeit bedroht sind – sei es durch Globalisierung der Arbeit, durch Rationalisierung der Arbeit, durch Umstrukturierung der Arbeit, die häufig zu Personalreduzierung und zu Outsourcing führen.

Unterbesetzung

In immer mehr Branchen herrscht akuter Personalmangel (so steht auf fast jedem LKW, der vor einem fährt: „Kollege gesucht“). Die Gründe sind wie immer mannigfaltig, doch sie wurzeln in einem dysfunktionalen Jobsystem. Denn die offenen Stellen existieren, obwohl es gleichzeitig Beschäftigungssuchende gibt, die keinen Job finden. Dieses Mismatch-Problem zeigt, dass der Arbeitsmarkt seiner ureigensten Aufgabe nicht gerecht wird, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. Ein Teil des Problems ist hausgemacht: Seit vielen Jahren werden altgediente Mitarbeiter zu Zehntausenden in den Vorruhestand geschickt – und die fehlen jetzt.

Wie dem auch sei: Die Unterbesetzung führt zu mehr Arbeitsbelastung für die Mitarbeiter, denn die vorhandene Arbeit wird auf weniger Schultern verteilt und das führt zu Stress, sodass dann Mitarbeiter krank werden oder ausscheiden, sodass die Übrigbleibenden noch mehr belastet werden.

Der Job dominiert das Leben

Nichts tun wir mehr in unserem Leben als Arbeiten: 8 Stunden täglich, 40 Stunden wöchentlich. Doch damit nicht genug. Der Job greift tief in unser restliches Leben ein:

Überstunden häufen sich und verlängern den Arbeitstag.

Die täglichen Fahrten zur Arbeit und zurück kosten Zeit und Geld. Diese Pendelei nimmt insgesamt zu: Von einer Stadt in die andere. Vom Land in die Stadt. Von Ost nach West.

Dann müssen wir die Zeit hinzunehmen für Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen.

Wer schließlich Feierabend macht, nimmt nicht selten Arbeit mit nach Hause – sei es im wörtlichen oder übertragenen Sinne.

Eine Konsequenz daraus ist: Andere Lebensinhalte lassen sich nicht oder nicht angemessen neben dem Job integrieren. Es gibt Konflikte bei der Vereinbarung von Arbeit und Leben.

Jobarbeit ist Mittel und nicht Zweck

Jobarbeit bedeutet im Kern, Arbeitskraft gegen Bezahlung zu tauschen. Sie ist also im Wesentlichen ein Mittel – für den Arbeitnehmer, um Geld zu verdienen, um damit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Mit der Jobarbeit bleibt der Mensch an die Notwendigkeit gebunden, seine materielle Lebensgrundlage zu sichern. Insofern ist Jobarbeit notwendige Arbeit und keine freie Arbeit. Für den Arbeitgeber wiederum ist sie ein Mittel, um mit der Arbeitskraft der Menschen die Ziele der Organisation zu erreichen.

Auswirkungen der Missstände

Diese und andere Missstände wirken sich negativ auf die Menschen aus. Wie stark mittlerweile die Jobarbeit Menschen in Mitleidenschaft zieht, lässt sich an folgenden Entwicklungen ermessen:

Die Unzufriedenheit mit dem Job nimmt zu. Umfragen zufolge ist die „Zahl der Mitarbeitenden ohne emotionale Bindung in Deutschland auf dem höchsten Stand seit 2012“. Der Umfrage von Gallup nach beträgt sie fast 20 Prozent.4

Die Liste der arbeitsbedingten Beeinträchtigungen wird länger und länger: Erschöpfungszustände und Müdigkeit, Energielosigkeit und Niedergeschlagenheit, Nervosität und Kopfschmerzen zählen dazu, nur um ein paar zu nennen.

Krankheiten wie Rückenleiden und Bluthochdruck greifen um sich und sind auf dem Weg, Volkskrankheiten zu werden.

Bezüglich der Zunahme psychischer Krankheiten sind die Statistiken der Krankenkassen eindeutig.

Für diese Fülle an Missständen sowie deren gravierende Auswirkungen auf den Menschen hat Bergmann den Begriff von der „Pathologie des Lohnarbeitssystems“ geprägt. 5

Wie entstehen diese Missstände? Es gibt mehrere Erklärungsansätze. Nehmen wir zum Beispiel die Beschäftigungslosigkeit.

Die Beschäftigungslosigkeit hängt eng mit dem gegenwärtigen Arbeitssystem zusammen. Historisch betrachtet existierte vor dem Jobsystem die Subsistenzwirtschaft, in der die Selbstversorgung dominierte. Für die Selbstversorgungsgesellschaft war Beschäftigungslosigkeit ein Fremdwort. Der Selbstversorger war weder abhängig von einem Arbeitsmarkt noch von einem Arbeitgeber; er konnte von niemandem entlassen werden, denn er war autark. Den Jobinhaber hingegen nennen wir offiziell und wortwörtlich „abhängig Beschäftigten“! Das heißt, ob der Mensch seinen Arbeitsplatz behält oder nicht, ob er einen findet oder nicht, hängt grundsätzlich nicht von ihm ab. Halten wir also fest: Beschäftigungs- oder Arbeitslosigkeit ist ein Symptom des gegenwärtigen Arbeitssystems.

Unser Arbeitssystem (der Arbeitsmarkt) fungiert wie ein Flaschenhals. Denn er lässt nur die Jobarbeit durch. Als Gegensatz formuliert: Arbeit an sich ist unbegrenzt, Arbeitsplätze hingegen sind begrenzt, vor allem sichere und gut bezahlte. Wir haben uns folglich nicht nur vom Jobsystem abhängig gemacht, sondern wir müssen uns ständig bemühen, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen, um Arbeitsplatzknappheit entgegenzuwirken – oder wie es häufig so schön heißt: Wir müssen Beschäftigungslosigkeit vorbeugen bzw. bekämpfen.

Nun gerät das Jobsystem unter Druck: Abnehmendes Wirtschaftswachstum, zunehmender internationaler Wettbewerb und Flüchtlingsströme machen ihm bereits zu schaffen. Doch nichts ist für das Beschäftigungssystem so bedrohlich wie die Technologisierung der Arbeit, die mit der „Digitalisierung“ einen enormen Schub erhält. Durch sie ist es möglich, systematisch menschliche Arbeitskraft durch technologische zu ersetzen. Folglich werden weit mehr Jobs automatisiert als neue geschaffen. Frithjof Bergmann hat diese Gefahr früh erkannt, wie viele vor und nach ihm. Stellvertretend ist hier die Studie von Frey und Osborne zu nennen: „The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation?“6 Doch Bergmann hat darüber hinaus wie kein anderer gesehen, dass die technologische Entwicklung janusköpfig ist – sie birgt zwar enorme Gefahren, aber auch Chancen in sich: „Die neuen Technologien kommen auf uns zu, gleich einer großen Welle: Rühren wir uns nicht von der Stelle, dann kann sie uns begraben, aber bewegen wir uns mit Geschick, könnte uns diese Welle höher heben als je zuvor.“7 Bergmann warnt davor, die technologische Entwicklung sich selbst bzw. deren derzeitigen Nutznießern zu überlassen. Es muss gesellschaftlich darüber nachgedacht und entschieden werden, welche Technologie wir wollen und vor allem, wie sie in den Dienst aller Menschen gestellt wird. Aus diesem Grund nimmt die Technologie im Konzept „New Work“ eine außerordentlich wichtige Rolle ein – siehe Artikel „New Work als neues Arbeitssystem“.

Eine prinzipielle Erklärung für die Existenz vieler Mängel und Missstände ergibt sich aus der Tatsache, dass Arbeit ein Mittel zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen ist. In der Betriebswirtschaft gilt Arbeit als Produktionsfaktor. Deshalb unterwirft man sie den Produktionsbedingungen und organisiert sie nach ökonomischen Kriterien wie Effizienz, Produktivität und Effektivität. Die Ökonomisierung der Arbeit ist ein ständiger Prozess und findet derzeit unter Schlagworten statt wie: Flexibilisierung der Arbeit, Agiles Arbeiten, flache Hierarchien, Führen durch Zielvorgaben, Teamarbeit usw. Entscheidend ist: Die Arbeit orientiert sich an den Bedürfnissen der Organisation bzw. des Arbeitgebers und nicht an den individuellen Bedürfnissen des Menschen. Die Mängel und Missstände, die sich dabei ergeben, sind Mängel und Missstände für den arbeitenden Menschen und nicht für die Organisation. So muss beispielsweise der Mitarbeitende der zunehmenden Leistungsanforderung gerecht werden und wenn sich dies bei ihm als Leistungsdruck bemerkbar macht und in Folge gesundheitlich niederschlägt, so wird er gestresst und krank, nicht aber die Organisation.

Fazit

Wir haben ein Arbeitssystem etabliert, dem der Mensch zu dienen hat und das ihn zunehmend belastet. Warum lassen sich die Menschen das gefallen? Warum begehren sie nicht auf? Ein wichtiger Grund besteht darin, dass sie vom Jobsystem abhängig sind. Der Job sichert Einkommen, Lebensunterhalt, materielle Sicherheit, Erwerb von Rentenansprüchen, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, sozialen Status usw. Der andere entscheidende Grund besteht darin, dass sie keine Alternative haben. Daher hat „New Work“ es sich zur Aufgabe gemacht, diese Alternative zu sein.

1 Bergmann widmet in seinem Buch „Neue Arbeit-Neue Kultur“ dieser Kritik ein ganzes Kapitel: Das Lohnarbeitssystem (Seite 79 bis 120).

2 https://www.zeit.de/wirtschaft/2024-05/arbeitszeit-ueberstunden-beschaeftigte-milliarden-stunden-deutschland

3 David Graeber, Bullshit-Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit, Klett-Cotta, 7. Auflage, 2024, ISBN 978-3608982459

4 https://www.gallup.com/de/472028/bericht-zum-engagement-index-deutschland-2023.aspx

5 Siehe Bergmann Seite 83f

6 https://www.researchgate.net/publication/271523899_The_Future_of_Employment_How_Susceptible_Are_Jobs_to_Computerisation

7 Politische Ökologie, Oekom Verlag, München, Ausgabe Mai/Juni 1998, Seite 55.

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