Thomas Schneider · Selbstauskunft
Montage, Falte, Beziehung und Freiheit
Eine Selbstauskunft in sieben Schnitten
Kapitel eins, in dem ein Schnitt mehr verbindet als trennt
Ich bin Cutter. Viele Jahre habe ich für ARTE, den ORF und fürs Kino Bilder und Töne so lange gegeneinandergestellt, bis etwas sichtbar wurde, das in keinem einzelnen Bild steckte.
Montage trennt. Sie stellt aber auch eine Beziehung her. Zwei Einstellungen verändern einander, sobald sie nebeneinanderliegen. Der Cutter entscheidet nicht, was wahr ist. Er entscheidet, welche Beziehungen sichtbar werden – und trägt Verantwortung für das, was aus dem Bild fällt.
Vielleicht habe ich deshalb nie aufgehört zu schneiden. Nur das Material hat sich verändert: Aus Rohmaterial wurden Fabriksareale, Ausstellungen, Verwaltungsabläufe und KI-Systeme. Ich nenne das soziale Montage. Nicht, weil Menschen Rohmaterial wären. Bearbeitbar sind die Verhältnisse: Wer spricht? Wer wird gehört? Wer entscheidet? Wer besitzt den Schlüssel – und wer darf die Werkstatt verändern?
Kapitel zwei, in dem eine Plattform nicht für andere sprechen soll
In Filmen über Zimbabwe und digital arbeitete ich an einer Plattform im Kontext der Folgen des Kariba-Staudamms für Tonga-Gemeinschaften. Sie sollte Beteiligten ermöglichen, eigene Geschichten, Bilder und Perspektiven zu veröffentlichen.
Das Projekt mulonga.net erhielt einen Prix Ars Electronica in der Kategorie Digital Communities. Das ist Anerkennung. Ob eine Plattform tatsächlich Macht verschiebt, beweist kein Preis.
Ich habe dort etwas Einfaches gelernt: Technisches Wissen kann Infrastruktur herstellen, aber keine fremde Stimme. Entscheidend ist die Beziehung. Wird eine Plattform gemeinsam gestaltet und kontrollierbar? Oder erzählt am Ende wieder jemand über andere und nennt das Beteiligung?
Seitdem misstraue ich nicht den Menschen, die wissen, was ein Server ist. Ich misstraue nur der Vorstellung, dieses Wissen reiche bereits aus.
Kapitel drei, in dem ein Prototyp widersprochen werden darf
In der frühen Phase der Tabakfabrik Linz entwickelten wir Konzepte und zeigten einen Prototypen im Umfeld der Ars Electronica. Der „Kollaborative Konzern“ hat viele Autorinnen und Autoren. Ich bin Teil seiner Vorgeschichte, nicht seine Schöpfungsgeschichte.
Daraus wurde eine Arbeitsregel: Baue früh genug, damit die Wirklichkeit widersprechen kann.
Ein Prototyp ist kein Beweis. Er ist eine materialisierte Frage. Menschen können ihn betreten, benutzen, missverstehen, ablehnen oder verbessern. Genau darin liegt sein Wert.
Die Tabakfabrik ist heute ein Kreativquartier. Ich will nicht sagen, dass es ohne uns ein Parkplatz geworden wäre. Ich sage nur: Parkplätze entstehen schneller als Kreativquartiere, und niemand hat je eine Machbarkeitsstudie für einen Parkplatz gebraucht.
Kapitel vier, in dem ein Wunsch Beziehungen braucht
Frithjof Bergmann stellte eine Frage, die einfach klingt und Menschen zuverlässig in Schwierigkeiten bringt:
„Was willst du wirklich, wirklich?“
Er sprach von der Armut der Begierde: Menschen können vieles besitzen und trotzdem keinen Wunsch haben, der sich wie ihr eigener anfühlt.
Die Frage begleitet mich seitdem. Aber ein eigener Wunsch liegt nicht fertig in einem verborgenen Inneren. Er wächst in Beziehungen – zu anderen Menschen, zu Fähigkeiten, Werkzeugen, Zeit, Sicherheit und der Möglichkeit, zu scheitern.
Im MAK übersetzten wir Bergmanns Denken gemeinsam in eine begehbare Ausstellung. Das kommt meiner Vorstellung von Kunst nahe: eine Idee, die man betreten kann. Und aus der man auch wieder herausfinden darf.
Kapitel fünf, die Falte
2025 habe ich den Essay Falte & Freiheit geschrieben. Von Deleuze nehme ich die Falte. Haraway und Maturana erinnern mich daran, dass jede Perspektive einen Ort hat und Wirklichkeit nicht besessen werden kann. Gödel erinnert mich – als Denkfigur, nicht als Beweis – daran, dass kein System sich vollständig aus sich selbst erklärt. Mein Spannbettlaken liefert die Alltagserfahrung: Material widerspricht.
Damit habe ich an die Faltenarbeiten von Freccia angeknüpft – der Künstlerin Marina Schütze, Wien –, die Räume mit gefalteten Projektionen baut und schon zur Falte arbeitete, als ich noch dachte, Falten seien ein Bügelproblem.
Die Falte hilft mir, die Vorstellung eines abgeschlossenen Subjekts loszulassen. Außen und Innen sind keine getrennten Räume. Institutionen, Technologien, Geschichten und Beziehungen falten sich in uns ein. Wir wirken zurück und verändern ihr Muster. Nicht jede Falte ist freiwillig. Nicht jede Beziehung ist gleichberechtigt.
Darum ist Freiheit für mich kein Wahlmenü. Wer das Menü gestaltet hat, hat einen Teil der Entscheidung bereits getroffen. Freiheit ist eine Werkstatt, zu der wir Schlüssel haben, deren Werkzeuge wir verstehen und deren Regeln wir gemeinsam verändern können.
Entfaltung heißt dann nicht, alle Beziehungen abzustreifen. Es heißt, sie erkennen, aushandeln, verlassen oder neu knüpfen zu können.
Kapitel sechs, in dem der Staat kein Außen hat
Heute arbeite ich als Social Designer und Transformationsmanager im Bundeskanzleramt. Das Projekt KI-SUN wurde 2025 mit dem Verwaltungspreis des Bundes ausgezeichnet. Parallel dazu arbeite ich mit Crypto Commons an Werkzeugen gegen staatliche und korporative Übergriffe.
Diese Seiten ergeben keine elegante Versöhnung. Sie bleiben ein Konflikt.
Ich habe die Nähe zu Institutionen gern Feldforschung genannt. Das klingt souverän. Ehrlicher ist: Verstrickung. Sie verschafft Einblick und erzeugt zugleich Bindungen, Interessen und blinde Flecken. Rollen, Grenzen und Widersprüche müssen deshalb sichtbar bleiben.
Verwaltung besteht nicht nur aus einem abstrakten System. Sie besteht aus Menschen, Verfahren, Ängsten, Routinen und Handlungsspielräumen. Soziale Gestaltung bedeutet für mich hier nicht, Bestehendes zu bekämpfen. Sie bedeutet, gemeinsam Bedingungen herzustellen, unter denen andere Beziehungen und andere Entscheidungen möglich werden.
Kapitel sieben, in dem die Maschine Nein sagen darf
In Wien entwickle ich mit der CLAW Fabric einen KI-Makerspace und eine Forschungsumgebung. Das System überprüft Behauptungen durch Gegenpositionen, Quellenpflicht und Gegenbelegsuche – auch meine eigenen.
Ein Beispiel ist der Ø-Index, mein Konzept für einen Wertbegriff, der nicht beim Marktpreis endet. Sorge, Empathie, Kreativität und Beitrag zu einer Gemeinschaft verschwinden häufig aus den üblichen Messungen. Der Ø-Index versucht, diese Dimensionen sichtbar zu machen.
Noch ist er ein plausibles Konzept, kein belegtes Messverfahren. Das ist kein peinlicher Makel, sondern sein gegenwärtiger Status. Problematisch würde es erst, wenn eine Idee sich als Messung ausgäbe – oder wenn aus einer Kritik am Marktwert ein neues Instrument der Überwachung würde.
Eine Forschungsmaschine ist für mich nicht deshalb interessant, weil sie meine Gedanken bestätigt. Interessant wird sie dort, wo sie Nein sagen kann.
Vielleicht ist auch das Kunst: Bedingungen zu bauen, unter denen die eigene Behauptung scheitern darf.
Fazit
Ich sehe meine Arbeit als Kette von Fragestellungen. Ich sehe Versuche: eine Plattform, einen Fabrikprototyp, eine begehbare Philosophie, einen Verwaltungsprozess, eine Werkstatt für KI und Kritik.
Jeder dieser Versuche kann kippen. Selbstrepräsentation kann vereinnahmt werden. Ein Kreativquartier kann zur Immobilienerzählung werden. Eine Werkstatt kann neue Türen schließen. Verwaltungsinnovation kann Inszenierung bleiben. Eine Wertmetrik kann Kontrolle erzeugen.
Diese Risiken sind keine Fußnoten meiner Arbeit. Sie gehören zu ihrem Material. Preise zeigen, dass jemand hingesehen hat. Wirkung beweisen sie nicht.
Was die Projekte verbindet, sind vier Figuren:
Was willst du wirklich, wirklich?
Und wenn du es weißt: Bau etwas. Aber bau es so, dass andere es betreten, verändern und wieder verlassen können.
