New Culture Campus

Schule in ganz neuen Dimensionen denken

Woher kommen die Fachkräfte von morgen? Diese Frage muss sich jeder stellen, der die Arbeitswelt von New Work nicht nur als Experimentierfeld, sondern als Realität der Zukunft versteht. Mit der Idee des New Culture Campus wird eine Bildungslandschaft beschrieben, die unser Verständnis von Schule auf den Kopf stellt.

In den großen und wichtigen Debatten über New Work gerät zuweilen ein bedeutender Aspekt ins Hintertreffen. Die Überlegung nämlich, wie sich die Vorbereitung darauf so früh und ganzheitlich wie möglich gestalten lässt. Bisher wird die jüngste Generation kaum einbezogen in die gesellschaftliche Umwälzung, die in Bezug auf eine andere Arbeitswelt im Gange ist. Es sind die Erwachsenen, die sich dem Wandel stellen. Sie streben nach agilen Organisationen, nach flachen Hierarchien, nach mehr Verantwortung für den Einzelnen, nach lebenslangem Lernen. Doch die dafür erforderlichen Skills, das technologische Wissen, das Bewusstsein für Nachhaltigkeit oder die Fähigkeit zur offenen Kooperation werden Schul- und Studienabgängern als Grundausstattung nicht mitgegeben. Dazu muss die Idee von New Work früher ansetzen – nämlich in der Bildung und den Wertevorstellungen, mit denen die nachfolgenden Generationen aufwachsen sollen.

Der Campus der Sehnsucht

Die Idee des New Culture Campus, geboren von dem Philosophen und Begründer der New Work-Bewegung Frithjof Bergmann, ist eine radikale Abkehr von dem heutigen Schulgedanken. In einer solchen Bildungslandschaft führt der Prozess von der Kita über die Grundschule bis hin zur Universität und zu den ersten Schritten eigener Unternehmertätigkeit. Statt lehren und lernen stehen eigene Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt. Sie beschäftigen sich mit Kunst, Technologie, Handwerk und IT, sie erleben Natur hautnah und entwickeln ein praktisches Verständnis für Nachhaltigkeit. „Im derzeit klassischen Schulsystem werden die Kinder doch verzweckt zu Leistungserbringern auf der Jagd nach Bestnoten“, erklärt Margret Rasfeld, die für die Umsetzung des Projekts New Culture Campus von Frithjof Bergmann mit ins Boot geholt wurde. „Bei dem Gedanken an Schule stecken alle so fest in alten Mustern, dass eine Revolutionierung der Bildung undenkbar scheint. Stattdessen arbeiten wir uns an kleinen Verbesserungen des alten Systems ab. Daher ist es ein wichtiger Ansatz, so eine Idee wie den New Culture Campus erst einmal in die Welt zu bringen, damit darüber diskutiert werden kann.“ Margret Rasfeld, die derzeitige Geschäftsführerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ hat als Schulleiterin bereits Erfahrungen damit gesammelt, transformative Prozesse in Gang zu bringen. Doch New Culture Campus denkt über alle im Rahmen der deutschen Schul- und Curriculumpflicht eingrenzenden Schranken hinaus.

„Unser New Culture Campus befindet sich noch in der Planung“, erläutert Andy Mayer, Freund und rechte Hand von Frithjof Bergmann. „Für die Umsetzung des Projektes wollen wir das Wissen einiger kluger Köpfe bündeln und die Synergien aus den verschiedenen Richtungen nutzen.“ Ein weiterer Wegbereiter für das Projekt ist daher Marcus Fink, Geschäftsführer des Kreisjugendring Münchner Land. Auch er kritisiert die Strukturen, in denen sich Gesellschaft und Schule bewegen – schneller, höher, weiter. Er bringt die Erfahrungen aus der außerschulischen Bildung ein und sieht den New Culture Campus durchaus nicht als ferne Utopie. „Die Jugendbegegnungsstätte am Tower in Oberschleißheim ist für die Jugendarbeit seit 2010 schon das, was der Campus für die Bildung werden könnte. Ein großes Gelände, Werkstätten, Naturnähe und Technik. Bei uns können Interessierte sich anschauen, wie so ein Konzept zumindest in Teilen umgesetzt wurde. Und wenn immer mehr Menschen von der Idee überzeugt sind, dann kann die Realisierung ganz schnell gehen.“

Die auf dem New Culture Campus angestrebte ganzheitliche Bildung stattet die Lernenden mit Skills aus, die sie in der Welt, in der sie leben werden, auch tatsächlich brauchen. „95 Prozent von dem, was sich die Kinder heute mühsam in der Schule erarbeiten, wird vergessen“, macht Margret Rasfeld deutlich. „Wir möchten sie vorbereiten auf eine Arbeitswelt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, seine Potentiale und nicht die Ökonomie. Mit der neuen Form des Lernens bekämen sie die Chance, sich auszuprobieren und herauszufinden was ihnen liegt, wofür sie brennen, was sie in die Welt tragen möchten. Sie erlangen Systemwissen, das ihnen eröffnet, wie alles miteinander zusammenhängt. Und sie erlernen Metakompetenzen, wie die Fähigkeit zum Teamwork und die Haltung, dass sie Fehler machen dürfen.“ Marcus Fink ergänzt: „Es reicht nicht mehr, die Dinge auswendig zu lernen, um sie dann abrufen zu können in einer Welt, in der sich jeden Tag alles ständig dreht und verändert.“

Ein Wandel beginnt immer mit kleinen Schritten. Ähnliche Ansätze, wenn auch nicht in dieser gesellschaftlichen Radikalität, verfolgt seit 2017 schon das Lernzentrum „Learnlife” in Barcelona. Von diesem Ansatz inspiriert, entsteht derzeit der Campus „Life Hamburg“. Das Projekt von Versandhauserbe Benjamin Otto will die Vision von generationenübergreifendem Lernen verwirklichen.

Für die Finanzierung von New-Culture-Campus-Stätten kann sich Margret Rasfeld einen Fonds vorstellen, der von Unternehmen gegründet und gepflegt wird und aus dem die Kommunen solche Bildungslandschaften errichten, ohne dass eine Firma direkten Einfluss nehmen kann. Es sind allerdings nicht nur Geldgeber, die überzeugt werden müssen von der revolutionären Bildungsausrichtung für die neue Generation. Da sind die Eltern, deren Vertrauensvorschuss eine solche Schule braucht, die Gesetzgeber, von deren Genehmigung solch ein weitreichender Entwurf abhängt, und die Lehrkräfte, auf die ganz neue Herausforderungen zukommen. „Natürlich muss sich auch die Lehrerausbildung ändern“, erklärt Margret Rasfeld. „Nur dürfen wir das nicht zu lange hinauszögern. Bis 2030 müssen wir die Welt verändert haben. Die Zukunft wartet nicht auf die Verwaltung.“

INFOS/LINKS

Jugendbegegnungsstätte am Tower

Learnlife Barcelona

Life Hamburg

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