English version
Praktische Erfahrungen nutzen, um den persönlichen Lebenssinn zu erforschen
Von Rachel Beth Thoma
Anfänge in Mühlhausen – „Learning by Doing“
Durch Frithjof Bergmann gelangte ich nach Mühlhausen/Thüringen (MHL), um dort lokale und internationale Jugendprojekte zur Unterstützung der Ideen von New Work aufzubauen. Rückblickend waren die fünf Jahre in Mühlhausen zugleich ein New-Work-Jugendprojekt für mich selbst. Ich war 22 Jahre alt, als ich ankam. Frithjof Bergmann und der Verein Mühlhäuser Initiative e. V. boten mir einen Rahmen, in dem ich praktische Erfahrungen sammeln und Menschen kennenlernte, mit denen ich darüber reflektieren konnte. Das sind nämlich die Zutaten einer guten Jugendarbeit in Bezug auf New Work: ein Rahmen, der Lebenserfahrung und Reflexion ermöglicht. Der Rahmen erfordert einerseits prosaische Ressourcen wie einen verlässlichen Mentor, andererseits einen physischen Raum, in dem man sich treffen und arbeiten kann, sowie ein unterstützendes Netzwerk und finanzielle Mittel. Der schwierige Teil besteht darin, diesen Rahmen so aufzubauen, dass authentische Beziehungen, persönliche Ideen und reale Lebenserfahrungen mit all ihrer Unvorhersehbarkeit und Unordnung sowie zeitlichen Beschränkungen integriert werden und wachsen können. Die Ressourcen sind die Prosa; die Selbsterfahrung ist die lebendige, atmende Poesie.
Bergmann sagte mir, Mühlhausen sei eine industrielle, provinzielle Stadt und ich solle erst einmal zwei Wochen dort verbringen, bevor ich mich entscheide, ein Jahr zu bleiben. Er gab mir die Kontaktdaten der kürzlich gegründeten Mühlhäuser Initiative e. V. Die Gründungsmitglieder dieses Vereins organisierten ein Zimmer für mich und ein Vorstellungsgespräch bei der VHS, um Englisch zu unterrichten – die Grundlage für die Jobarbeit, damit ich die Jugendarbeit im Rahmen von New Work aufbauen konnte. Ich war frisch von der Uni in den USA und hatte gerade genug Deutschkenntnisse, um zurechtzukommen. Ich hatte einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund und kam aus einer kalifornischen öffentlichen Schultradition, in der Eigenverantwortung großgeschrieben wurde. Die Stadt mit ihrem mittelalterlichen Stadtkern, der DDR-Geschichte und den offenen Bewohnern verzauberte mich. Nach einer Woche stand für mich fest, dass ich wirklich, wirklich bleiben und versuchen wollte, mit den Menschen vor Ort etwas aufzubauen. Ich hatte ein paar Ersparnisse, um ein paar Monate finanziell über die Runden zu kommen und genug Selbstvertrauen, um aus den Möglichkeiten Wirklichkeit werden zu lassen.
Austauschprogramme
Zunächst habe ich zwei internationale Programme unterstützt: Workshops zum kreativen Schreiben und ein Austauschprogramm mit einer Region in Michigan (MI), USA. Beide Programme brachten vor allem junge Menschen in Kontakt mit anderen Menschen, neuen Ideen und vor allem neuen persönlichen Erfahrungen. Das ist immer ein guter Anfang für New Work. Die Ideen für diese Programme kamen von einer Partnerorganisation in den USA, dem Huron Shores Writing Institute. Bergmann stellte die Verbindung zu diesem Institut her. Im Rahmen eines Stadtgespräches äußerten nämlich die Mühlhäuser den konkreten Wunsch, dass sie mehr Verbindungen zu den USA haben wollten. Es war mir eine Ehre, zu den ersten zu gehören, die diese Verbindung in die USA unterstützten.
Ich konnte einige Erfahrungen einbringen, da ich als Studentin selbst an einem Austauschprogramm teilnahm: Ich gestaltete ein kulturelles Orientierungstreffen und Reflexionstreffen für Rückkehrer und ich beriet Austauschstudenten, die nach MHL kamen. Ich koordinierte die Übersetzung von kreativen Texten aus den Schreibworkshops, begleitete Delegationen hier und dort. Vieles davon war ehrenamtliches Engagement, aber einige Aufgaben wurden bezahlt. Das persönliche Wachstum, das diese vielseitigen Aufgaben ermöglichte, war unbezahlbar.
Lokale Jugendprojekte
Im Laufe der Zeit begann ich mit dem Aufbau von lokalen Jugendprojekten. Eine lose Gruppe traf sich, um mehr über New Work herauszufinden. Meistens waren es die gleichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich für die Austauschprogramme interessierten. Wir lernten uns kennen und unterhielten uns im Stadtjugendhaus über praktische Philosophie und persönliche Interessen. Einer meinte: „Wenn Rachel spricht, muss man ganz genau hinhören.“ Das war eine Anspielung auf meine spitzfindigen Fragen, die ich in meinem noch verworrenen Deutsch stellte. Wahrscheinlich klang ich ein bisschen wie Yoda, wenn ich zum Beispiel sagte: „Wann fühlst du dich am lebendigsten?“ Aus diesen bescheidenen Anfängen entstand das Projekt „Treffpunkt: Schule und dann?“, eines von mehreren Jugendinitiativprojekten. Es schuf eine zwanglose Atmosphäre, in der jeder über seine persönlichen Interessen und seine berufliche Orientierung nachdenken oder zumindest über die Möglichkeiten der nächsten Schritte nach dem Schulabschluss spekulieren konnte.
Die typische New-Work-Frage, die mir damals oft gestellt wurde, „Machst du schon, was du wirklich, wirklich willst?“, war noch ein bisschen schwierig zu beantworten. Ich glaube, ich war authentisch, als ich sagte: „Noch nicht ganz, aber ich habe das Gefühl, dass ich ihr näherkomme.“ Das Konzept einer Berufung ist nicht auf einen einzigen Beruf oder eine Position beschränkt; es ist eher wie ein Nirvana, nach dem man strebt. Für mich ist eine Berufung ein lebendiger Prozess, mehr ein Verb als ein Substantiv; man fühlt sich dazu hingezogen. Ähnlich wie bei anderen Idealen, z. B. der Demokratie, müssen Ideale durch neue Bewegungen, Politik und Fragen aufrechterhalten werden. Die Fragen, die im Zusammenhang mit einer Berufung gestellt werden, sind fast wichtiger als die Antworten, die nur für einen begrenzten Zeitraum gelten.
Arbeiten und Leben unter einem Dach – EigenArt e. V.
Ein konkretes Jugendprojekt, das damals entstand, hieß EigenArt e. V. Ähnlich wie bei mir hat Frithjof Bergmann mit den Hauptinitiatoren viele Gespräche geführt, um ihre Ideen zu konkretisieren und zu stärken, sie mit Unterstützern zu vernetzen und sie so auf ihren eigenen Weg zu bringen. Es handelte sich um ein paar junge Erwachsene, die unschlüssig waren, wie es mit ihrem Leben weitergehen sollte, jedoch den Traum hatten, ein heruntergekommenes Fachwerkhaus mit Nebengebäuden und Hof zu renovieren. Nachdem der Entschluss gefasst war, fand sich ein Objekt, das für 30 Jahre von der Kirche gepachtet werden konnte. Die Renovierungsarbeiten wurden so umweltfreundlich wie möglich durchgeführt, wobei traditionelle Techniken mit Lehm und anderen ökologischen Materialien verwendet wurden. Mit dem Projekt wollten sie Wohnraum und Gärten schaffen (um ihre Lebenshaltungskosten zu senken), einen Recyclinghof für wiederverwertbare Baumaterialien errichten (um sinnvolle Arbeitsplätze zu generieren) und schließlich einen Raum für junge Menschen zur Verfügung stellen, in dem sie sich treffen und lokale Kultur- und Informationsveranstaltungen durchführen können (um Gemeinschaft zu schaffen). Das Vorhaben war in vielerlei Hinsicht erfolgreich und belebte das ehemalige Pfarrhaus.
In der Anfangsphase von EigenArt e. V. traf sich eine kleine Gruppe von Gründern, Freunden und Unterstützern regelmäßig mindestens einmal im Monat zum Tee bei Marthas. Martha war eine ortsansässige Unternehmerin, die uns ihre Privatwohnung über ihrem Teeladen für diese Treffen zur Verfügung stellte. Obwohl es sich um private und inoffizielle Treffen handelte, hatten einige der Teilnehmer offizielle Ämter im Verein inne. Daher wurden meistens die aktuellen Angelegenheiten von EigenArt besprochen, aber auch individuelle Herausforderungen, Träume und Beziehungen standen auf der inoffiziellen Agenda. Wir waren zwischen 16 und 40 Jahre alt und alle auf unsere eigene Art Träumer, aber auch Macher. Wir waren eine kleine Gemeinschaft, die sich gegenseitig inspirierte, über den Tellerrand zu schauen und neue Wege auszuprobieren. Ich war nicht die Einzige, die diese philosophischen und praktischen Diskussionen zu schätzen wusste. Wir dachten über Themen wie die Tatsache nach, dass Institutionen, Gebäude usw. ursprünglich als Ideen in den Köpfen von Menschen begannen. Daher braucht es neue Ideen, um Neues zu schaffen. Wir haben über das Verhältnis zwischen Geld, Arbeit und Leidenschaften nachgedacht. Inwieweit geht die Leidenschaft (z. B. die künstlerische) verloren, wenn sie zum Beruf und zur finanziellen Notwendigkeit wird? Kann eine Berufung zu finanzieller Ausbeutung führen? Es folgten Debatten über den Nutzen und die Fallstricke einer Abhängigkeit von staatlichen Geldern und ABM-Stellen, und wir zogen Parallelen zu Abhängigkeit und Unabhängigkeit in privaten Beziehungen und Rollenteilungen. Einige sehr praktische Initiativen (zur Senkung der Lebenshaltungskosten) gingen aus dieser Gruppe hervor, z. B. Carsharing.
Leider kam es zu einem Zerwürfnis zwischen den ursprünglichen Gründern des Vereins, das zu personellen Veränderungen führte. Außerdem zogen einige Mitglieder in andere Städte, um dort zu arbeiten oder zu studieren. Darin spiegelt sich eines der Hauptprobleme solcher „Jugendprojekte“ wider. Oft wird eine enge Gemeinschaft aufgebaut, ohne die Notwendigkeit zu berücksichtigen, rechtzeitig neue Mitglieder zu rekrutieren, um die Projekte nachhaltig zu gestalten.
Jugendinitiative Mühlhausen (JiM) – Projekte für und von Jugendlichen
Zwischendurch verbrachte ich ein Jahr in Ann Arbor, Michigan, wo ich sowohl mit Frithjof Bergmann als auch mit einem lokalen Community Organizer zusammenarbeitete. In dieser Zeit sammelte ich Ideen, die ich in den Jugendgruppen umsetzen wollte. Nach Thüringen zurückgekehrt, begann ich mit einer Umfrage zu den Bedürfnissen und Wünschen von Jugendlichen an Realschulen, Berufsschulen und Gymnasien.
Durch meine Kontakte zu Englischlehrern und Schulen erhielt ich Zugang zu einer Vielzahl von Schülern ab der 7. Klasse. Manchmal erhielt ich die Gelegenheit, eine ganze Unterrichtsstunde zu diesem Thema zu halten. Dann wandte ich einen Trick an, den ich bei Frithjof oft gesehen hatte: Ich habe jede Idee sehr ernst genommen! Das Gruppen-Brainstorming lief manchmal wie folgt ab:
Ich: Stell dir vor, du wärst der Bürgermeister, was würdest du tun?
Zuruf: Die Schule abschaffen! (die Klasse lacht)
Ich: Gut, jetzt gibt es also keine Schule mehr. Und was nun?
Zuruf: Party!!! (laute Zustimmung)
Ich: Toll. Was brauchen wir für diese Party? (Vorschläge beinhalten Details wie Musik, Tanz, DJ, Essen usw.)
Ich: Und wie lange soll diese Party dauern? Tage? Wochen? Und dann? Was würdet ihr anschließend machen?
Nun erst konnten wir wirklich ein Brainstorming machen, denn es war klar, dass jede Idee berücksichtigt werden würde – frei nach dem Motto: „Anything goes!“
Im Anschluss an das Brainstorming erfolgte eine schriftliche Umfrage zu folgendem Thema:
„Worüber macht ihr euch Sorgen?“ und „Welche Ideen habt ihr?“ Ich habe die Ergebnisse von fast 600 Umfragen zusammengetragen. Hier sind zunächst die fünf wichtigsten Themen, über die sich die Jugendlichen in den 90er Jahren in Mühlhausen Sorgen machten:
Im nächsten Schritt brauchte es eine Auftaktveranstaltung, um alles Weitere zu besprechen. Eine Gruppe interessierter Jugendlicher, die mit früheren Projekten der MHL-Initiative in Verbindung standen, beriet mich, wo und wie man die Eröffnungsveranstaltung „cool“ gestalten könnte. Die Wahl fiel auf den Keller des Cadillac Inn. Ein Kunststudent gestaltete Plakate, auf denen in riesigen Buchstaben stand: ARSCH HOCH! Diese animierten junge Menschen dazu, zur Eröffnungsveranstaltung zu kommen, die versprach, Gleichgesinnte zusammenzubringen, die bereit waren, in ihrer Stadt etwas zu „bewegen“. Etwa 40 Jugendliche folgten dem Aufruf. Nachdem sich alle mit einem Getränk gestärkt hatten, machten wir ein paar Kennenlernspiele, diskutierten die Ergebnisse der Umfrage und wählten einen Namen. Wir nannten uns Jugendinitiative Mühlhausen, kurz JiM – darunter firmierte auch der Verein, der daraus hervorging. Schließlich planten wir das nächste Treffen.
Sowohl die Umfrage als auch die Namensgebung sollten möglichst viele junge Menschen mit dem Projekt verbinden und ein Gefühl der Identifikation, der Gemeinschaft und der Zielsetzung schaffen. Dabei galt es, eine Balance zu finden zwischen dem Freiraum für Eigeninitiative und der Bündelung von gemeinschaftlichen Bedürfnissen und Interessen.
Projekte von JiM
In den folgenden Jahren führte eine Gruppe von etwa 30 Jugendlichen und 3 Erwachsenen (in Teilzeit und ehrenamtlich) eine Reihe von Projekten durch. Einige davon korrespondierten mit den oben genannten Punkten:
-
Treffpunkt: Schule und dann? (Berufsorientierung)
-
Kunst aus Müll (Umwelt-Bewusstsein fördern)
-
Eine Ausstellung, die über Drogen informiert
-
Eine Jobbörse für Schülerinnen (Nachbarschaftsjobs, z. B. Babysitting, Gartenarbeit etc., um Geld zu verdienen)
-
Ein Sommerfestival (mit Bands, u. a. einer erfolgreichen lokalen Band und afrikanischen Trommlern, Essens-, Getränke- und Produktständen sowie Infoständen)
-
Monatlich erscheinendes „JiM, das Magazin“ – das war das Kronjuwel der Projekte, das über den Verein hinaus als Online-Magazin weiterlebte, auch nachdem die meisten der Mitwirkenden nicht mehr in MHL lebten.
Diese Aufzählung klingt einfach. Es war aber alles andere als einfach. Manche Projekte hatten viele Mitwirkende, manche nur zwei, manche sprangen ein, um zu helfen; manche Vorhaben dümpelten vor sich hin (Jobbörse). Ich weiß, dass die Inhalte der Projekte wichtig waren, vor allem, um die Personen zu motivieren, die sie sich ausgedacht hatten, und diejenigen, die sie umgesetzt haben. Dennoch war der Prozess der Umsetzung der Ort, an dem das wirkliche Lernen, insbesondere die Selbsterkenntnis, wuchs. Und bei „Schule und dann?“ konnte man darüber nachdenken, wie dieser Prozess zur Entwicklung von Fähigkeiten und Belastbarkeit und zur Klärung von Interessen beitragen kann.
Am Anfang gab es lange Debatten darüber, was zuerst gebraucht wird – Finanzen oder Ideen? Ich konnte die Teilnehmenden davon überzeugen, dass gute Ideen mit der Zeit zu finanziellen Mitteln führen würden. Wir mussten Fördermittel beantragen, Sponsoren gewinnen und Anzeigen verkaufen. Ohne konkrete Ideen wäre es unmöglich, andere zu überzeugen.
Gemeinsam lernten wir etwas über Fundraising: Wo man sich über Stiftungen informiert (deutlich schwieriger vor der Zeit des Internets) und wie man Anträge schreibt. Eine Kamera wurde von einer deutschen Jugendstiftung gesponsert, die Vervielfältigung des Magazins wurde von einem örtlichen Copyshop gesponsert; wir schickten einen Schwarm von Verkäufern aus, um Anzeigenplätze zu verkaufen. Die Jugendabteilung einer politischen Partei wurde um Mittel für das Sommerfest gebeten. Eine Teilzeit-ABM-Stelle wurde beantragt.
Herausforderungen und Wachstum bei JiM
Es gab auch bürokratische Hürden zu überwinden. Die Brandschutzordnung machte es uns sehr schwer, in einem Keller Müll für das Kunstprojekt zu sammeln. Im Hinblick auf das Sommerfest waren viele rechtliche Einschränkungen zu beachten, die mit den zuständigen städtischen Ämtern zu klären waren. Es gab sogar Krisen, weil sich ein Lokalpolitiker durch einen Artikel in der Zeitschrift beleidigt fühlte. Die Redakteure wurden in Begleitung eines Erwachsenen zu ihm geschickt, um dies zu klären.
Auch die Bindung junger Menschen war nicht immer einfach. Die erste Ausgabe von „JiM – Das Magazin“ sah dilettantisch aus. Das war einigen Leuten so peinlich, dass sie aufhörten. Die nächste Ausgabe wurde mit einem professionelleren computergenerierten Layout erstellt, wurde gedruckt und nicht kopiert. Einige Mitglieder hatten private Dramen zu Hause und in der Schule, die zu unregelmäßiger Anwesenheit führten; andere fühlten sich mit der ganzen Verantwortung überfordert. All diese Probleme wurden in kleinen Gruppen oder in informellen Einzelberatungen angesprochen.
All diese Irrungen und Wirrungen führten zu einer gewissen Fluktuation unter den Mitgliedern, aber auch zur Herausbildung einer engagierten Kerngruppe, die durch die gemeinsame Erfahrung, Herausforderungen zu meistern, noch enger zusammenrückte. Die Kehrseite der Medaille war, dass sich Neulinge nicht immer willkommen fühlten. Ich sprach mich dafür aus, eine Willkommenskultur zu schaffen, um neue Mitglieder zu werben. Dies war ein immer wiederkehrendes Thema, das auf Widerstand stieß.
Natürlich gab es auch reifere Teilnehmende, die die Möglichkeiten unserer Programme wirklich nutzten, um ihre persönlichen Träume zu verfolgen. So konnte beispielsweise eine Jugendliche als Musikjournalistin für „JiM – das Magazin“ ihre Lieblingsbands interviewen. Als Betreuerin ist es jedoch wichtig, die Jugendlichen so zu nehmen, wie sie sind, wo immer sie sind, und mit ihnen zu erarbeiten, wohin sie von dort aus gehen wollen. Wollen sie sich mit ihren eigenen Ideen einbringen? Wollen sie zunächst mit anderen zusammenarbeiten und Erfahrungen und Selbstvertrauen sammeln? Fühlen sie sich bereit, ein Projekt zu leiten und andere zu motivieren? Wissen sie, was für ihr Projekt benötigt wird? Wie können sie sich einbringen? Wo könnten sie Unterstützung brauchen?
In der Planungsphase machten wir eine Liste mit folgenden Fragewörtern: Was (Projektziele, Veranstaltungen usw.)? Wer (verantwortlich für welche Aufgaben)? Wie (Finanzen, Ressourcen etc.)? Wann (Zeitrahmen)? Dann überprüften wir diese Pläne, wenn sich die Umstände änderten oder neue Aufgaben auftauchten.
So wurde die Selbstorganisation gefördert und in den Vordergrund gestellt, auch wenn eine Unterstützung von außen zur Verfügung stand. Dies war nur möglich, weil wir im Stadtjugendhaus ein Büro mit regelmäßigen Öffnungszeiten und mit Besprechungsräumen zur Verfügung hatten. Dadurch konnte man sich dort jederzeit treffen. Einige wenige Mitglieder der Kerngruppe hatten Zugang zu einem Schlüssel zu unserem Büro, den sie von der Stadtjugendhaustheke erhielten. Snacks und Getränke waren im Haus verfügbar. Manche Treffen hatten den Charakter eines gemütlichen Beisammenseins, andere waren zielgerichteter mit klarer Agenda. Beides war wichtig.
Was hat das alles mit New Work zu tun?
Waren all diese Aktivitäten für die berufliche Zukunft der jungen Menschen relevant? Nicht unbedingt direkt, aber indirekt schon. Auf jeden Fall sind die erworbenen Fertigkeiten nicht nur für dieses eine Projekt relevant, sondern auch für das persönliche Leben. Der Hauptzweck der Aktivitäten bestand nicht nur darin, die Jugendlichen ihrem aktuellen Interessensthema näher zu bringen, sondern ihnen die Erfahrung zu vermitteln, dass sie in der Lage sind, ihre eigenen Interessen in Zukunft zu verfolgen und zu vertiefen. Es erweiterte ihren Horizont für Möglichkeiten und gab ihnen das Selbstbewusstsein, sich auf einen neuen Horizont zuzubewegen. Dieser Weg ist selten geradlinig, sondern eine Reihe von Versuchen, Fortschritten, Fehlstarts und Rückschlägen. Frithjof nannte dies „sich mit der Welt reiben“. Aber durch die Arbeit an und in diesen Projekten baute sich die „Resilienz“ auf, damit junge Menschen Rückschläge verkraften. Ich behaupte, dass der Prozess der Durchführung dieser Projekte auch zu einem „erlernten Optimismus“ führt, der den inneren „Neinsager“ ausschaltet (oder leiser stellt). Kritik zu üben ist einfach. Aber sich für etwas zu engagieren, wenn andere behaupten, es sei „unmöglich“, ist nicht einfach. Sich konstruktiver Kritik zu öffnen, um das, was man tut, zu verbessern, erfordert die Bereitschaft, Fehler einzusehen und aus ihnen zu lernen (und nicht nur, sie zu vermeiden, indem man es nie versucht oder aufgibt). Diese Projekte durchbrachen den Mythos, dass wir Einzelkämpfer sein müssen. Vielmehr brauchten wir einander. Gemeinschaft, Netzwerke, gegenseitige Unterstützung und externe Hilfe sind wichtig, damit man als Einzelner (oder als Gruppe) vorankommt. Und gemeinsam macht es einfach mehr Spaß als allein. Der Spaß darf nicht fehlen!
Als Betreuerin einer solchen Jugendarbeit muss man diese Prinzipien selbst verkörpern, diese Perspektive angesichts der Herausforderungen beibehalten und den Erwerb dieser Werkzeuge unterstützen. Das bedeutet, dass man nicht immer die Antworten haben muss und auch nicht die Entscheidungen trifft, sondern andere ermutigt, sich zu informieren. Es bedeutet, dass man so viel wie möglich Input gibt und das Gegenüber ermutigt, sich ebenfalls zu informieren, damit diese Person fundierte Entscheidungen treffen kann. Dann lässt man die jungen Menschen die Entscheidungen treffen und umsetzen, regt sie nötigenfalls dazu an, über Fehler nachzudenken, und steht ihnen im Nachhinein unterstützend zur Seite.
Es war faszinierend zu sehen, wie viele der ehemaligen Teilnehmenden bei einem 10-jährigen Wiedersehen Berufen nachgegangen sind, die zum Teil mit den Projekten und Aufgaben zu tun hatten, die sie bei JiM übernommen hatten. So hat eine der Initiatorinnen des Projekts „Kunst aus Müll“ eine Ausbildung zur Bildhauerin absolviert und ist später Innenarchitektin geworden. Ein anderer, der jahrelang an dem Magazin gearbeitet und sein charakteristisches Layout entwickelte, blieb im Bereich der Kommunikation und gestaltet nebenberuflich Internetseiten.
Ideas @ Work – außerschulisches Projekt
Jahre später, nach meinem Weggang von Mühlhausen, hatte ich erneut die Gelegenheit, ein New-Work-getriebenes Jugendprojekt ins Leben zu rufen. Dieses hatte den Vorteil, dass es von einer Stiftung in Zusammenarbeit mit einer Gesamtschule in NRW unterstützt wurde. Die Schülerinnen und Schüler waren meist um die 17 Jahre alt und besuchten die Klasse 11 der Oberstufe. Diese freiwillige außerschulische Aktivität bestand darin, persönliche Interessen zu vertiefen und diese Erfahrungen für die Berufsorientierung zu nutzen. Der Projektzeitraum betrug ein Schuljahr. Es passte sehr gut, dass in dem gleichen Jahr ein zweiwöchiges Praktikum zu absolvieren war.
Anfangs war angedacht, dass uns eine Lehrerin unterstützt. Zuerst war ich offen für dieses Arrangement, aber ich merkte schnell, dass sie zwar von den Schülerinnen und Schülern gemocht wurde, ihrem Urteilsvermögen aber nicht wirklich traute. Sie unterstellte, dass einige von ihnen nicht in der Lage sein würden, eigene Ideen zu entwickeln, und dass wir ihnen Vorschläge machen sollten. Für mich stand dies in diametralem Gegensatz zu den Grundsätzen von New Work. Ich vereinbarte mit ihr, das Vorhaben allein durchzuführen.
Es gab eine Informationsveranstaltung, danach sollten die Schüler sich entscheiden, ob sie sich bei „Ideas @ Work“ engagieren wollten oder nicht. Von den dreizehn Interessierten blieben zwölf dabei. Ab da haben wir uns einmal in der Woche nachmittags getroffen. Die einzelnen Schülerprojekte fanden jedoch außerhalb dieser Zeit statt.
Die Ausgangssituation war sehr unterschiedlich: Einige brachten bereits Interessen mit, andere hatten keine Ahnung, was sie machen würden. Einige hatten ein gesundes Selbstvertrauen, andere waren etwas unsicher und/oder abhängig von Freunden, Familie oder sogar Lehrern. Einige waren bereits ziemlich unabhängig und halfen zu Hause mit. Eine junge Frau lebte in einer eigenen Wohnung. Viele hatten Migrationshintergrund. Manche verfügten über Taschengeld, andere hatten keines und kamen gelegentlich hungrig zu unserer Sitzung. Ein paar Teilnehmende kannten sich bereits, ein Junge kannte niemanden gut und war sozial etwas unbeholfen. Ein Mädchen (eine muslimische Geflüchtete) hatte noch nie ihr Umfeld verlassen, andere waren bereits allein in nahegelegenen Städten unterwegs.
Unser erstes Ziel war es, Vertrauen innerhalb der Gruppe aufzubauen. Die ersten drei Sitzungen dienten dazu, sich gegenseitig kennenzulernen, das Konzept zu verstehen und organisatorische Details zu klären. Als Moderatorin ist es entscheidend, den Ton anzugeben und eine Atmosphäre der Akzeptanz und des Willkommenseins zu schaffen. Jeder wird ernst genommen, so wie er ist, damit er sich wohlfühlt. Negative Verhaltensweisen wie abfällige Bemerkungen oder Augenrollen werden im Keim erstickt. So entwickelten sie sich zu einer außergewöhnlich engen und hilfsbereiten Truppe.
Wir hatten das große Glück, dass unser Sponsor zwei Wochenendklausuren finanzierte, eine zu Beginn und eine gegen Ende des Programms. Das hat die Gruppendynamik enorm unterstützt. Einerseits gab uns die erste Klausur sofort ein gemeinsames Ziel, nämlich das Wochenende nach unseren eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu gestalten. Andererseits konnten wir in konzentrierten Zeitblöcken die Details der einzelnen Projekte ausarbeiten, und natürlich gab es Zeit, sich kennenzulernen und gemeinsam Spaß zu haben.
Wir buchten Zimmer und einen Tagungsraum in einer Jugendherberge. Die Gruppe wählte den Ort aus. Wir beschlossen, dass der Samstagabend in der Diskothek obligatorisch war (ein paar waren wenig begeistert). Wir fuhren am Freitagnachmittag mit dem Zug und kehrten am Sonntag nach einem Mittagessen in der Jugendherberge zurück. Wir hatten vier Zeitblöcke, um an unseren Projektplänen zu arbeiten. Darüber hinaus waren Freizeit, Mahlzeiten und freiwillige Einzelsitzungen vorgesehen. Die Pläne wurden als Vorschläge verfasst, in der Gruppe besprochen und nach dem Feedback überarbeitet. Die Finanzpläne waren nicht unwichtig, denn es gab einen bestimmten Betrag, den die Stiftung übernahm, und es gab bestimmte rechtliche Verfahren, die eingehalten werden mussten, um die Gemeinnützigkeit zu gewährleisten.
Die individuellen Projekte
Es stellte sich heraus, dass manche schnell mit ihren Plänen waren, da sie mit einer festen Idee kamen. So gab es eine Gruppe von vier Jungs, die bereits eine Hip-Hop-Crew hatten, die auf Veranstaltungen auftrat; sie wollten eine professionelle Musikaufnahme mit einem Produzenten in einem Tonstudio machen. Auf der anderen Seite kämpfte ein Junge damit, was ihn über Computerspiele hinaus interessierte und was er wirklich tun wollte. Selbst nach mehreren persönlichen Brainstorming-Sitzungen mit mir war er immer noch ratlos. Der Durchbruch kam dann in der letzten Gruppensitzung am Samstag, nachdem wir viele der Fragen wiederholten, die wir zuvor besprochen hatten. Schließlich drängte ihn einer der Hip-Hopper verbal in die Enge und fragte pointiert: „Jeder kann etwas gut – was kannst du, Mann?“ Nach einiger Zeit kam heraus, dass er ziemlich gut programmieren konnte. Dann kam ihm langsam und nach einigem Zögern die Idee, dass er wirklich gern einen Roboter programmieren wollte, etwas, das er noch nie zuvor getan hatte. Das war ein bahnbrechender Moment. Von da an ging alles Schlag auf Schlag: In den nächsten Wochen gelang es ihm, ein zweiwöchiges Praktikum an der örtlichen Universität zu organisieren, bei dem er tatsächlich einen Roboter als Teil eines Forschungsprojekts programmieren konnte. An diesem Beispiel zeigt sich besonders schön, worauf New Work setzt: Identifiziert sich jemand mit einer Idee, so entwickelt die betreffende Person einen Willen bzw. ein Engagement, das oft zum Ziel führt.
Die Vorschläge wurden geschrieben, ausgetauscht und ausgefeilt. Sie reichten von künstlerischen Projekten (Design und Schneiderei, Fotografie und das bereits erwähnte Hip-Hop-Album) über technische und soziale Projekte bis hin zur Arbeit mit Tieren. Einige erforderten mehr Überlegungen, andere hatten feste Termine, bis zu denen bestimmte Ziele erreicht werden sollten. Viele finanzielle Punkte erforderten mehr Recherche, einige Projekte brauchten keine Finanzierung. Wir hatten wirklich hart gearbeitet und uns die Pizza und den Spaß in der Disco verdient.
Jede Woche unterstützten wir uns gegenseitig, um den nächsten Schritt im Plan zu verfolgen oder den Plan entsprechend zu ändern. Einige der Gruppen trafen sich außerhalb der wöchentlichen Sitzung, um ihre Projekte zu verfolgen. Ich organisierte zum Beispiel ein Treffen für die Hip-Hopper mit einem professionellen Produzenten. Leider war der junge Produzent so sehr darauf bedacht, die „Crew“ zu disziplinieren und zu professionalisieren, dass sie nach dem ersten Treffen fragten, ob sie jemand anderen finden könnten. Für mich war es wichtig, dass ihnen diese Möglichkeit eingeräumt wurde: Es war ihr Vorhaben!
Andere Einzelprojekte mussten aus Zeitmangel oder anderen Gründen verkürzt werden. Das war enttäuschend. Aus dem Traum, eine ganze Kollektion zu entwerfen und eine Modenschau zu veranstalten, wurde die Ausstellung von Entwürfen und die Auswahl geeigneter Stoffmuster. Aus dem Geschäft „Hundeausführungen“ wurden ein Praktikum und die anschließende ehrenamtliche Arbeit im Tierheim. Dies tat den wertvollen Erkenntnissen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewonnen hatten, keinen Abbruch.
Die abschließende Klausur verfolgte folgende Hauptziele:
-
mehr Zeit für die Reflexion der Erfahrungen
-
die Überlegung der persönlichen nächsten Schritte nach der Schule
-
die Organisation einer Ausstellung zur Dokumentation der Projekte, die im Rahmen einer Pressekonferenz in der Schule gezeigt werden sollte.
Die Reflexion und das kameradschaftliche Miteinander waren gelungen; die Ausstellung war ein wenig schlampig bearbeitet (aus meiner Sicht). Dennoch würde ich dem Reflexionsprozess immer den Vorrang geben, denn hier findet die eigentliche persönliche Orientierung statt.
Erstaunlicherweise konnte sich nur eines der vier Mitglieder der „Hip-Hop-Crew“ vorstellen, in Zukunft etwas mit Musik (nicht nur Rap) zu machen. Einer der Frontmänner wollte Jura studieren und Migranten verteidigen. Das passte zu ihm, denn seine Texte waren ein Sprachrohr für Gerechtigkeit. Er war ein beeindruckender Organisator, ein Anführer und Wortführer. Er war derjenige, der mich mit der Ablehnung des ersten Produzenten konfrontierte; er war auch derjenige, der den unsicheren Programmierer in die Enge trieb.
Der Programmierer war der größte „Ausreißer“ in der Gruppe. Er hatte bis dahin Gruppen gemieden, fand aber in dieser Freunde und Unterstützung. Während seines Praktikums entdeckte er, dass er durch das späte Aufstehen am Morgen leistungsfähiger und konzentrierter wurde – etwas, womit er in der Schule immer Probleme gehabt hatte. Er war bei der Programmierung des Roboters so erfolgreich, dass er nicht nur das dringend benötigte Lob erhielt, sondern dass ihm die Abteilung nach seinem Praktikum einen Teilzeitjob nach der Schule anbot, damit er weiter programmieren konnte. Als die Hip-Hopper Kopien ihrer CD brauchten, bot er an, diese bei sich zu Hause viel effizienter zu brennen.
Rückblick: Zurückblicken, um nach vorne zu schauen
Was muss gegeben sein, wenn man mit Jugendlichen nach den Prinzipien von New Work arbeitet? Welche Bedingungen braucht es?
-
Zuerst einmal muss die Jugendarbeit freiwillig und für die Teilnehmenden persönlich bedeutsam sein.
-
Das Programm muss über kompetente und zuverlässige Betreuer sowie eine unterstützende und flexible Infrastruktur verfügen.
-
Darüber hinaus sollten die Projekte eine echte Herausforderung darstellen, Freude bereiten, die Gemeinschaft fördern und zum Nachdenken anregen, ohne dabei pedantisch oder ideologisch zu sein.
-
New-Work-Mentorinnen und -Mentoren müssen sich gut mit dem Konzept auskennen, authentisch und selbstbewusst sein und Fragen stellen, die sie sich selbst bereits gestellt haben. Gleichzeitig sollten sie junge Menschen akzeptieren, respektieren und ernst nehmen, vor allem wenn sie (noch) nicht so selbstbewusst und einfallsreich sind. Dazu gehört sowohl, sie experimentieren und scheitern zu lassen, als auch, sie zu unterstützen. Dies stärkt die Beziehungen zu den Betreuenden und innerhalb der Gruppe sowie die Identifikation mit dem eigenen Vorhaben, die für ernsthaftes Engagement und Nachdenken entscheidend sind. Nicht jeder Traum lässt sich in einem Jugendprojekt verwirklichen, aber ein solches Projekt kann ein Sprungbrett auf dem Weg zu einem Traum sein. Wer ihn verfolgt, wird etwas tun, das erfüllend und sinnvoll ist.
-
Zur stabilen Infrastruktur gehört außerdem eine Grundfinanzierung des Gesamtprogramms. Die einzelnen Projekte selbst können durch Sponsoren, private Stiftungen oder öffentliche Mittel finanziert werden. Einmal habe ich überlegt, eine Bürgerstiftung für Jugendliche zu gründen, wie ich sie in Michigan in den USA kennengelernt habe. Dort beantragen Jugendliche Fördermittel vor einem Gremium, das hauptsächlich aus jungen Leuten besteht. Dies erwies sich jedoch nicht als realisierbar.
Als ich mit 22 Jahren nach Mühlhausen kam, habe ich in gewisser Weise mein eigenes Jugendprojekt für mich geschaffen. Als ich in Michigan war, lernte ich von den New-Work-Schulprojekten in Ann Arbor und von meiner Arbeit als Community Organizerin. Zurück in Mühlhausen konnte ich auf dieser Grundlage die laufende Jugendarbeit in MHL systematischer als bisher angehen. Ideas @ Work war ein außerschulisches Jugendprojekt, das durch Individualisierung und beruflichen Bezug gekennzeichnet war und somit zu zukunftsweisenden Ergebnissen führte. Außerordentlich hilfreich war die von Anfang an gegebene finanzielle Unterstützung.
Gegenwärtig unterrichte ich junge Erwachsene in Englisch an der Universität Tübingen und biete eine Reihe von Kursen an, von denen mir einige sehr am Herzen liegen. Ein Kurs sticht jedoch als eine Art Berufung hervor; er vereint eine Reihe meiner Interessen: Ich nenne ihn „Storytelling Theater“. Es verbindet Playback-Theater (eine Form des Improvisationstheaters) mit interkulturellem Austausch durch das Erzählen persönlicher Geschichten. Hier spielen viele Elemente aus meiner lokalen und internationalen Jugendarbeit eine Rolle: lernen, mit Unbekanntem umzugehen und Fehler zu machen, eine vertrauensvolle Gemeinschaft aufzubauen, Kreativität zu fördern und persönliche biografische Geschichten zu würdigen. Ich bin davon überzeugt, dass ich diesen Kurs nicht ohne meine New-Work-Erfahrung und -Perspektive unterrichten könnte. Nun kann ich die Frage, „Machst du schon, was du wirklich, wirklich willst?“ mit einem authentischen „Zum Teil, ja! Zumindest jetzt.“ beantworten.
Ein legendäres Bild für die Voraussetzungen eines erfüllten Lebens, aber auch einer guten Jugendarbeit, ist Goethes Wunschstein. In Weimar, unweit von Mühlhausen, findet sich der Wunschstein neben Goethes Gartenhaus. Der Stein besteht aus einer Kugel, die auf einen Würfel montiert ist. Diese beiden Teile symbolisieren, was für ein erfülltes Leben notwendig ist: nämlich sowohl ein stabiles Fundament (der Würfel) als auch ein sich ständig veränderndes, dynamisches Leben (die Kugel). Die Legende besagt, dass ein Wunsch in Erfüllung geht, wenn man seine Hand auf diesen Stein legt und sich etwas wünscht. New Work ist im übertragenen Sinne dieses „Handauflegen“, um einerseits die eigenen Wünsche zu identifizieren und sie andererseits dynamisch umzusetzen.